Intervention

Intervention XXX-01: Petra Tödter @ KioskShop berlin (KSb)

Pressemitteilung
Press release

Nach elf Jahren Pause wird eine Tradition des Ortes, der permanenten und ortspezifischen Installation »KioskShop berlin (KSb)« von Semjon H. N. Semjon, wieder ins Leben gerufen: Die Ausstellungsreihe »Intervention«.

Vermutlich wird zweimal im Jahr eine solche Dialogausstellung erfolgen: Petra Tödter macht den Anfang.

Für die Künstlerin, für den Künstler ist dies eine besondere Herausforderung, handelt es sich hier nicht um einen white cube, einen klassischen Galerieraum mit nackten und weißen Wänden (wie nebenan im Hauptraum von Semjon Contemporary). Im Gegenteil. Die Dominanz des Gesamtkunstwerkes »KioskShop« ist allgegenwärtig, und der Gast muss sich dagegen behaupten, entweder in spielerischer Ergänzung oder in fordernder Opposition.

Die geometrischen Skulpturen und Objekte bzw. die geometrischen Zeichnungen von Petra Tödter setzen sich visuell klar durch ihre kraftvolle Farbigkeit und ihre einprägsamen Formen unmittelbar vom »KioskShop« ab. Sie kann man begreifen als einen herausfordernden künstlerischen Eingriff, wobei sehr wohl Gemeinsamkeiten zu entdecken sind, weil u.a. die Grundformen ihrer Prismen-inspirierten Formen Ergebnisse der Beschäftigung mit der Geometrie sind. Die minimalistische Ladeneinrichtung als Bestandteil der »KSb«-Installation basiert auf der Geometrie. Der Kubus als Grundform ist überall zu erkennen.

Der in unendlich verschiedenen Weißtönen in den Straßenraum hinausstrahlende KioskShop, bedingt durch die vielen Product Sculptures in dem weiß lackierten Habitat der Ladenmöbel mit seinem neonblauen Sockelzonenlicht, wird nun zu einer Bühne für die farbenfrohen, zumeist solitären Plastiken von Petra Tödter, die entweder selbstbewusst auf den Boden gesetzt sich wie ein sechseckiger Regenschirm weitflächig ausdehnen (»Eumel«) oder als Duplexplastik auf dem Regal leicht aus der Achse gerückt sind (»Unendlich«). Ursprünglich sollte die Arbeit »Unendlich« von der Decke, wie ein sich spiegelndes ‚doppeltes‘ Lotgewicht hängen (vgl. Visualisierung auf der Einladungskarte). Die Statik der Skulptur hat dies leider nicht zugelassen. So kam als Ersatz »SoloSunny« zum Einsatz.

Die heitere, ja fröhliche Farbpalette wird durch die Verwendung von Neonfarben akzentuiert, die die Skulptur, das Objekt optisch fast in einen Schwebezustand, wie in Trance, versetzt. Trotz der statuarischen Ruhe der vom Aufbau einfachen geometrischen ‚Figuren‘ bekommen diese durch die formverstärkende konstruktive Bemalung eine eigenwillige Dynamik (wie z.B. bei »Unendlich« und »Eumel«). Vor dem inneren Auge meint man zu sehen, wie sich die Objekte gleich um ihre eigene Achse zu drehen beginnen.

Auf dem Schaufenstersockel zur Straße hin sind drei kleinere Objektskulpturen platziert. Jede ist in ihrer Form anders und verweist somit auf die Vielfalt der Formen und ihren Bemalungen. Auf den ersten Blick scheinen die Malereien die Formen zu unterstreichen, Teil von ihnen zu sein. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass die einzelnen Facetten der prismatischen Formen nicht einer bestimmten Farbe zugeordnet werden, sondern dass innerhalb einer Facettenfläche eine diametral gegenläufige Malerei angelegt ist, die in der Gesamtheit der Plastik eine komplexere optische Facettierung gibt. Eine Augentäuschung sozusagen.

Gerahmte farbstarke Zeichnungen, Schnittmustern gleich, ergänzen die Objektskulpturen und verweisen auf deren planerischen Prozess. Die Winkel und die Farbflächen zueinander sind nicht dem Zufall überlassen. Die sorgfältig mit Farbstiften ausgemalten Flächen zeugen von der Ernsthaftigkeit ihrer künstlerischen Haltung, und doch assoziieren sie auch die heiteren Zeichnungsschlachten aus der Kindheit, als wir Figur nach Figur (die Silhouettenlinien davon), eine Seite nach der anderen ‚ausgemalt’ haben. Ein Malbuch folgte dem anderen…
Die gerahmten Zeichnungen sind sowohl in der Ladentheke als auch im großen Wandschrank an einer Leerstelle (frei von den »Product Sculptures«) aufgestellt und leuchten aus der nüchternen Umgebung.

Semjon H. N. Semjon im August 2022

Zwischen 2003 und 2011 gab es im KioskShop 33 Interventionen mit Künstlerinnen und Künstlern, die Semjon H. N. Semjon in sein Gesamtkunstwerk eingeladen hatte. Der KioskShop selbst war (und ist wieder) eine öffentlich zugängliche Installation, die auf die Ladeneinheit zugeschnitten ist. Zwischen dem ersten Leben ab November 2000 und dem Frühjahr 2010, bevor Wände für eine andere Installation des Künstlers (»Konstruktion der Moderne«) vorgebaut wurden, hatten mehr als 7.000 Besucher den ungewöhnlichen Ort besucht.
2011 gründete der Künstler Semjon Contemporary, übernahm den KSb-Raum (inzwischen ein Salon geworden) und nutzte ihn als ‚Salon Cabinet‘ von Semjon Contemporary. Somit ergaben zwei Ladeneinheiten mit je einem Schaufenster die Galerieräume.

Im Zuge der Kündigung der Räume zum Ende des Jahres 2021 nach 21 Jahren durch die Nicolas Berggruen Holdings wurde der KioskShop von den davor gebauten Wänden befreit, um ihn wohlmöglich ein letztes Mal der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Auszug hätte unweigerlich dessen Zerstörung bedeutet. Dass die mögliche Zerstörung dieses einmaligen Berliner Gesamtkunstwerks der große Kunstsammler und Kunstmäzen Nicolas Berggruen zu verantworten gehabt hätte, entbehrte nicht einer gewissen Tragikomik. Semjons Kommunikation von der Geschichte eines realen Kunstdesasters sollte bis nach Los Angeles zu ihm vordringen. Kurz vor dem von der Holding erwirkten Gerichtstermin zur Räumung kam es im Februar zu einer gütlichen Einigung mit ihr. Bis Ende Mai 2027 ist das (neue) Leben des KSb erst einmal gesichert.
Dass nun »KioskShop berlin (KSb)« Teil der Galerie Semjon Contemporary ist, lässt sich als Bereicherung für die Galerie, als neue Herausforderung lesen, hatte Semjon doch für 10 Jahre radikal sein künstlerisches Sabbatical (bis auf einzelne Zeichnungssessions) durchgezogen. Nicolas Berggruen hatte – ohne es zu wissen – dem Galeristen Semjon die Bühne für sein künstlerisches ‚coming out‘ bereitet, ihn zum Künstler wieder wachgeküsst!